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Vom Praxisbedarf zur Lernplattform: Digitale Unterstützung für Auszubildende und Praxisanleitende

Aus einem konkreten Praxisbedarf heraus entwickelte Jenny ein fachspezifisches Learning-Management-System, das Auszubildenden Orientierung, Handlungssicherheit und einen klaren roten Faden im Praxiseinsatz gibt. Im Interview erzählt sie, wie sie vorgegangen ist, wen sie einbezogen hat und warum digitale Tools vor allem dann wirken, wenn sie die persönliche Praxisanleitung nicht ersetzen, sondern gezielt stärken, besonders auch bei Sprachbarrieren.

Jenny Hoffmann verbindet als Gesundheits- und Krankenpflegerin, Praxisanleiterin und Personalentwicklerin im Team Nachwuchssicherung der Charité den Stationsalltag mit pädagogischer Expertise aus ihrem Studium.

Jenny, magst du dich kurz vorstellen? Wer bist du, was machst du an der Charité, was hat dich zum Pädagogikstudium motiviert und wie ist die Idee für eine digitale Lernplattform in der Praxisanleitung entstanden?

Ich bin Jenny Hoffmann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Praxisanleiterin und Personalentwicklerin im Team Nachwuchssicherung an der Charité.

In die Praxisanleitung bin ich gekommen, weil es mir schon früh wichtig war, Auszubildende sicher durch ihre intensive und oft herausfordernde Ausbildungszeit zu begleiten.

Mein Studium der Pädagogik im Gesundheitswesen habe ich begonnen, um die tägliche Praxis mit fundiertem pädagogischem Wissen zu verbinden, d.h.

  • Lernprozesse besser zu verstehen und gezielter zu gestalten und
  • die Ausbildung evidenzbasiert sowie zukunftsfähig weiterzuentwickeln

Wie bist du bei der Konzeption der digitalen Lernplattform vorgegangen? Wen hast du einbezogen und welche konkreten Ziele hattest du, um Auszubildende und Praxisanleitende besser zu unterstützen?

Die Idee für eine digitale Lernplattform entstand aus einem konkreten Praxisbedarf. Im Rahmen meines Studiums habe ich die Inhalte und Funktionen der Plattform entwickelt und kontinuierlich angepasst, alles nach dem Design-Based-Research-Ansatz. So entstand ein fachspezifisches Learning-Management-System (LMS), das sowohl Auszubildende als auch Praxisanleitende unterstützen soll und durch regelmäßiges Testen und Optimieren an die realen Anforderungen der Praxis angepasst wurde. Von Anfang an wurden Auszubildende, Praxisanleitende und Stationsleitungen in den Prozess eingebunden, um ihre Bedürfnisse, Wünsche und Bedenken zu berücksichtigen. 

Ziel war es, Auszubildenden mehr Orientierung und Handlungssicherheit im Praxiseinsatz zu bieten, während gleichzeitig selbstständiges, selbstgesteuertes Lernen gefördert wurde, damit sie in ihrem eigenen Tempo lernen und einen bestmöglichen Lernerfolg erzielen konnten.

In diesem Zusammenhang gilt mein besonderer Dank der Station M144i für ihre Bereitschaft und ihr großes Engagement, dieses Projekt zu unterstützen und hierfür zeitliche sowie personelle Ressourcen zur Verfügung zu stellen.
Mein herzliches Dankeschön geht auch an die Station 8i, an Michelle (zentrale Praxisanleiterin in der Charité Intensivpflege) sowie an unsere Auszubildende Mara für ihre Unterstützung und Mitwirkung.

Jenny sammelt mit Praxisanleiterin Michelle Lichtenberg und Auszubildender Mara Gürtler konkrete Erfahrungen aus dem Einsatz: Was unterstützt die Plattform wirklich, was braucht es zusätzlich in der persönlichen Anleitung?

Wie ist die Lernplattform aufgebaut? Was sehen Auszubildende nach dem Einloggen und wie unterstützt das ihren Praxisalltag auf Station?

Nach dem Einloggen sehen Auszubildende eine strukturierte Startseite mit einem übersichtlichen Inhaltsverzeichnis, das sie gezielt zu Anleitungsprozessen, Informationsmaterialien, Orientierungshinweisen und den fachspezifischen Schwerpunkten ihres Einsatzbereichs führt. Sie können sich schon vor dem Einsatz mit Lernzielen beschäftigen und eigene Überlegungen entwickeln. 

Zusätzlich werden Bezugspersonen und Teammitglieder transparent dargestellt, was Ängste und Unsicherheiten reduziert, weil frühzeitig klar ist, wer Ansprechperson ist. 

Für den Praxisalltag gibt es fachspezifische Lernpfade: Auszubildende können die Station bereits vor Einsatzbeginn kennenlernen, sich zu Schwerpunkten, Geräten und Personal informieren und dann gezielt das bearbeiten, was sie für den aktuellen Einsatz brauchen. Während Praxisanleitende eine klare, strukturierte Grundlage für die Anleitung haben. 

Welche Lerninhalte bietet die Plattform und wie stellst du sicher, dass sie fachlich aktuell und pädagogisch sinnvoll aufbereitet sind?

Die Plattform arbeitet mit vielfältigen Formaten wie

  • interaktiven Quizzen
  • Pocket-Zusammenfassungen mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen
  • Erklärvideos, Erkundungsspielen
  • Arbeitsaufträgen und
  • Lerntexten 

Fachlich basiert die Auswahl und Aktualisierung der Inhalte auf dem Rahmenausbildungsplan der Fachkommission gemäß Pflegeberufegesetz sowie auf Rückmeldungen aus den jeweiligen Fachbereichen. 

Pädagogisch orientiert sich die Aufbereitung an den individuellen Lernbedürfnissen der Auszubildenden und stellt dafür passende, abwechslungsreiche Lernformate bereit.

Wie stärkt das LMS Selbstvertrauen, Orientierung und Sicherheit im Praxiseinsatz? Und wie unterstützt es dabei selbstgesteuertes Lernen, unabhängig von Einsatzort und Arbeitszeit?

Das LMS gibt Auszubildenden mehr Orientierung, weil sie klarer sehen, welche Kompetenzen von ihnen erwartet werden, und weil sie ihren Lernfortschritt sichtbar nachverfolgen können. Das reduziert Unsicherheiten im Arbeitsalltag und stärkt das Gefühl, gut vorbereitet in Anleitungssituationen zu gehen. 

Zusätzlich wirkt die Visualisierung des Bereichs, also die Vorstellung des Teams und die direkte Sichtbarkeit der Praxisanleitenden, wertschätzend und vermittelt eine Willkommenskultur: Auszubildende spüren, dass der Ausbildungsbereich sich aktiv für sie engagiert. Ein konkretes Feedback war z. B., dass eine Auszubildende die Plattform als sehr motivierend erlebt hat, weil ihr Lernfortschritt unmittelbar sichtbar war und sie ihren Wissenszuwachs über die Zeit nachvollziehen konnte. 

Gleichzeitig unterstützt die Plattform selbstgesteuertes Lernen durch orts- und zeitunabhängigen Zugriff: Auszubildende können flexibel entscheiden, wann sie lernen, Inhalte vertiefen und mithilfe von optionalen Vertiefungsmaterialien sowie Quizformaten gezielt Wissenslücken schließen. 

Auf der Intensivstation W8i hilft die digitale Lernplattform Michelle und Mara, Theorie und Praxis schneller zu verbinden.

Wie entlastet das LMS Praxisanleitende und welche Inhalte, die früher ständig neu erklärt werden mussten, bildest du heute über die Plattform ab?

Wiederkehrende Grundlagen und theoretische Inhalte werden digital standardisiert vorbereitet, sodass in der persönlichen Anleitung mehr Zeit für Vertiefung und individuelle Fragen bleibt. Lernpfade und Dokumentationshilfen erleichtern zudem den Überblick über den Lernstand.

Die Module ersetzen aber nicht die persönliche Interaktion, ganz nach persönlichem Bedarf werden Inhalte weiterhin gemeinsam vertieft besprochen.

Was hat dich an den Ergebnissen deiner Bachelorarbeit pädagogisch besonders überrascht, und wo siehst du die größten Chancen?

Überraschend war, wie deutlich Auszubildende den Zugewinn an Orientierung und Sicherheit durch die Plattform betont haben, obwohl diese nur ergänzend genutzt wurde. Gleichzeitig zeigte sich, dass digitale Angebote ohne persönliche Begleitung schnell an Wirkung verlieren. Besonders überraschend war auch, dass die Plattform gerade bei Sprachbarrieren, insbesondere bei Auszubildenden mit Migrationshintergrund, eine wertvolle Unterstützung darstellte. 

Der größte pädagogische Mehrwert entsteht durch die Kombination aus digitalen Lernformaten und persönlicher Anleitung. Insgesamt sehe ich die Chancen digitaler Tools vor allem in individuell gestaltbaren Lernwegen, reproduzierbaren Lernsituationen und einem situativ bedarfsorientierten Zugang zu Wissen. Das kann helfen, Inhalte nachhaltiger zu vertiefen und Lernprozesse transparenter sowie chancengerechter zu machen. 

Als Ergänzung zur persönlichen Begleitung gibt die Plattform Orientierung durch klare Strukturen, bündelt Materialien, ermöglicht individuelles Lernen jederzeit und steigert so Motivation, Selbstständigkeit und Handlungssicherheit. 

Michelle nutzt die digitale Lernplattform direkt auf der Intensivstation, um Lernziele für die Praxisanleitung nachzuschlagen und Anleitungssituationen vorzubereiten.

Warum ist die Charité aus deiner Sicht ein guter Ort, um die Pflegeausbildung zu machen?

Die Charité verbindet moderne, evidenzbasierte Ausbildung mit einer starken Praxisanleitung und dem Anspruch, Ausbildung kontinuierlich weiterzuentwickeln. Wir haben das Ziel, Auszubildenden einen qualitativ hochwertigen Ausbildungsplatz zu bieten, an dem sie sicher, kompetent, geduldig und respektvoll auf ihre zukünftigen verantwortungsvollen Aufgaben als Pflegefachperson vorbereitet können.

Welchen Tipp gibst du Menschen, die über Pflege nachdenken?

Wer über Pflege nachdenkt: Hol dir früh Einblicke, sprich mit Auszubildenden oder Pflegefachpersonen, stell viele Fragen!

Wenn du Verantwortung übernehmen und Menschen professionell begleiten willst, kann Pflege ein richtig erfüllender Weg sein.

Jenny ist überzeugt, dass gute Praxisanleitung und digitale Lernwege zusammen Auszubildenden mehr Orientierung, Motivation und Handlungssicherheit geben und Pflegeausbildung dadurch nachhaltig stärker wird.